Kommunalpolitik in Reutlingen, CDU: ein guter Vorschlag zum Rathaus, Bankrott-Gutachten zum Achalmtunnel

Zwei schöne Zeitungsartikel regen zum Nach-Denken an: in der StZ vom 10.04. über das Reutlinger Rathaus, im GEA heute über den Achalm-Tunnel mit dem überraschenden Eingeständnis „Weniger Entlastung“. Beide Artikel berichten von Niederlagen der Kommunalpolitik, wenn es bei den nächsten Kommunalwahlen ausgeht wie jetzt bei den Landtagswahlen, so liegt das nicht mehr an Fukushima oder Brüderle, sondern ganz einfach an schlechter Politik der alt-bürgerlichen Parteien (womit klar wäre, daß die Grünen eben die neu-bürgerliche Partei sind, der Volvo- und Prius- statt Mercedes-, BMW- oder Audi-Freunde).

Das alte Rathaus, heute die Alexandre-Terrasse

‚“Das Reutlinger Rathaus ist kein Bauwerk, zu dem man auf Anhieb in Liebe entbrennt.“ oder: „architektonische(n) Kraftmeierei“ und: „In die Baugeschichtsbücher ist dieser Stil als Brutalismus eingegangen“ sind die keywords bei der Stuttgarter Zeitung über das Reutlinger Rathaus. Offensichtlich ist der Sicht-Beton-Scheiß der 60er Jahre jetzt renovierungsbedürftig und so kommt die CDU auf den für einen Kaufmann völlig nachvollziehbaren Gedanken, einen Teil dieser Beton-Orgie in der Innenstadt aufzugeben, dieses Gelände an Investoren zu verkaufen, die dann wieder Gewerbeflächen daraus machen, die StZ titelt deshalb „Ausweitung der Konsumzone“.

Dem voran ging jedoch eine „Ausweitung der Verwaltungszone“, denn das ganze Viertel war vor dem Krieg Wohn- und Geschäftbebauung (wie die Rathausstraße auch, ich kenne noch die Buchbinderei Spohn und die Malerwerkstatt Bader, im Krieg wurden dort auch Hühner gehalten und gemetzget, wobei ein Gockel mal ohne Kopf bis in die Katharinenstraße flog). Das neuere alte Rathaus stand am Marktplatz, dort, wo heute die Reutlinger beim Kaffee vorm Alexandre in die Sonne blinzeln. Aber das ganze restliche Quartier zwischen Ledergraben, Spendhaus und Markplatz war eben Wohnbebauung, die im Krieg bös in Mitleidenschaft gezogen wurde (meine Mutter mit Familie war zur Oma nach Pfullingen ausquartiert).

Nur weil die Bomben die dreckige Vorarbeit geleistet hatten, konnte die Ratsherrlichkeit so eine gigantische Beton-Orgie mitten in die Altstadt pflanzen. Den alten OB Kalbfell zitiert die StZ mit den schönen Worten „Dieses Rathaus baut diese Stadt nicht für diesen Gemeinderat, nicht für diesen Bürgermeister und nicht für diese Beamten, sondern für diese Bürger, für heute, morgen und für die ferne Zukunft.“, die den Beton auch nicht schöner machen. Diese riesige Kiste mitten in der Stadt ist eben doch sichtbar gemachte Staatsquote, zeigt, wie die Verwaltung, die beamteten Sessel-Be-Sitzer sich in der Stadt breit gemacht haben.

Die Autos sind das schönste auf dem Bild, der rote rechts ein 1000 C Prinz, der beige daneben ein Peugeot 404, vorne ein grauer Standard-Brezelkäfer (25 oder 30 PS), links davon ein 1200er oder 1300er von Anfang/Mitte der 60er, der hatte vielleicht schon gnadenlose 40 PS, hinter dem ein A-Kadett. Ganz hinten am Schwanen-Fachwerk ein Karmann-Ghia und hinter dem vielleicht ein Taunus oder Rekord

Das geht doch schlanker: daß der Gemeinderat mit seinem Ratssaal im Herzen der Stadt tagt, das zeigt Bürgersinn und wer das Sagen haben soll. Die OB mit ihrem mageren Wahlergebnis von 85% mal 23% Wahlbeteiligung = unter 20% der Wahlberechtigten soll effizient verwalten und Dienste leisten. Das kann sie genauso gut am Rand der Stadt – im Laisen in der Kurve zur Siemensstraße steht so ein Büroklotz, wo sicher die halbe Verwaltung in unmittelbarer Nähe zum TBR-Gelände Platz hätte. Und die andere Hälfte könnte in den IG-Metall-Klotz mit Video-Buster untendrin gegenüber der AOK einziehen, da könnten sie dauernd auf „ihre“ neue Stadthalle gucken („ihre“ Stadthalle, unsere Schulden!).

Also: noch ist Zeit, die Nachkriegs-Sünden zu beichten und Abbitte zu leisten mit einem zügigen Abriss, bevor der Denkmalschutz aufwacht und der Berliner Architekurhistoriker weiter vom „Gesamtkunstwerk“ schwallen kann – der soll noch ein paar Fotos machen und dann – weg mit der Kiste!

Mit dem Scheibengipfel-Tunnel kommts, wie es kommen mußte: jetzt plötzlich darf ein Gutachter erzählen, daß die Entlastung der Oststadt doch nicht so deutlich wird, wie immer „versprochen“ (L_G_N_A_K) wurde, statt 21.600 sollen dann eben „nur“ noch 18.800 Fahrzeuge am Tag durch die Oststadt fahren. Jetzt wird über Details gestritten, ob das Gutachten die „Parkraumbewirtschaftung“ (ein schönes Wort für Gebührenbelastung, eigentlich -abzocke) berücksichtigen sollte oder nicht, alles Scharmützel. Als Steuerzahler darf ich mich fragen: und dafür verbuddeln die 100 Mio in der Achalm und ziehen noch mehr überregionalen Verkehr an? Und zerstören die Idyllen im Betzenried (Gärtnerei Mayer) und den Gütles-Dschungel am Nordausgang? Warum dürfen die das ungestraft? Warum gibt es da keinen Sonderermittler für Korruption??? Diese 100 Mio in der Achalm sind eine Bankrott-Erklärung der CDU auf Landes- wie auf kommunaler Ebene – mehr Beton, mehr Straßen, mehr Autos, mehr Schulden – keine Konzepte für die Zukunft.

"Entlastungswirkung" Scheibengipfeltunnel / Quelle: http://www.gea.de/region+reutlingen/reutlingen/weniger+entlastung+.1950754.htm

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Eine Antwort zu “Kommunalpolitik in Reutlingen, CDU: ein guter Vorschlag zum Rathaus, Bankrott-Gutachten zum Achalmtunnel

  1. Stefan Eisenhuth

    hmm…. ich bin ja immer offen aber irgendwie hab ich ausser Geschimpfe keinen konstruktiven Vorschlag gefunden ….

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