Tabus hinterfragen, Denken anfangen – Immigration & Integration – Erdogan auf Pöbel-Tour in Berlin

„Erdogan verschärft Kritik an Deutschland“ heißt die Überschrift im Spiegel heute zum Besuch Erdogans anläßlich 50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei. Welche Gefühle löst diese Überschrift bei Ihnen aus? Bevor die Schere im Kopf aktiv wird?

Die Kommentare im Spiegel zu diesem Artikel waren in nur 10 Stunden auf 35 Seiten und 345 Kommentare angewachsen, dann wurde das Forum geschlossen und auch nicht mehr unten am Artikel angezeigt, man mußte sich schon den Link gespeichert haben, um es wieder zu finden – lesenswert!

Anwerbeabkommen auf Druck der USA

In den letzten Tagen gab es ja einige markante Artikel zu 50 Jahre Anwerbeabkommen, die einen neuen Blick geben auf die Migration aus der Türkei: nicht wir brauchten sie, sondern die ökonomische Stabilisierung der türkischen Militärdiktatur (und dessen, was unter demokratischem Etikett danach kam) war der Grund, weshalb Deutschland zu diesem Abkommen von den USA gedrängt wurden – das ist die Erkenntnis Necla Keleks in der FAZ. Die gleichen Fakten berichtet ein Artikel von Uta Rasche ebenfalls in der FAZ vom 26.10., der online nicht mehr auffindbar ist (hier). Von der selben Autorin ein Artikel zum Familiennachzug.

Was die andere Frankfurter Zeitung zum Thema schreibt, ist nicht klar als Ernst oder Satire zu identifizieren, wem hilft ein falscher Glorienschein?

5 Mrd EU-Subventionen für die Türkei – was gibts da noch zu motzen?

Erstaunlich: laut einer Anfrage im Europäischen Parlament hat die Türkei schon jetzt (2007 – 2013) fast 5 Milliarden Subventionen bekommen – ist das in der Öffentlichkeit bekannt?

Wie kann sich Erdogan auf diesem Hintergrund so gebärden? Ist das hilfreich? Motiviert das seine Landsleute hier, sich mehr an der eigenen Nase zu packen? Die positiven Zeitungsartikel in diesen Tagen handeln von erfolgreichen Einwanderern, Akademikern (hier, im GEA gab es einen ähnlichen Artikel) – geben sie die Wirklichkeit wieder?

Das Selbstvertrauen Erdogans kann auch nicht von der Wirtschaft kommen, das starke Wachstum der Türkei hat schwache Füße, die Handelsbilanz ist trotz starken Wirtschaftswachstums negativ (hier und hier), die Blasengefahr ist konkret.

besser wäre: Druckwelle für Erdogan

Warum erwartet den nicht eine Druckwelle, wenn er Berlin aus dem Flugzeug steigt? Hat er das Armenier-Denkmal wirklich abreißen lassen (hier)? Haben die Kurden alle Bürgerrechte, auch in der Praxis? Wann können die christlichen Kirchen, alte und neue, sich in der Türkei ungehindert betätigen? Das Kloster an der syrischen Grenze, wann bekommt es seine Grundstücke wieder? Was bekommen die Kinder in der Schule an Geschichte gelehrt? Wie ist das Bildungssystem in der Türkei? Warum wettert er dann gegen unseres? Wie sind Kriminalitätsrate und Arbeitslosigkeit unter seinen Landsleuten hier bei uns? Warum schämt der sich nicht ganz still? Oder hält denen, die’s von „seinen“ Leuten nötig haben, hier eine Predigt, die sie verstehen?

Nachtrag am 07.11.: heute ein Artikel in der FAZ über die Armenier-Genozid-Nicht-Aufarbeitung in der Türkei – Erdogan, wenn Du doch besser geschwiegen hättest und die Menschenrechtsfragen zuhause vor der eigenen Tür bearbeitet hättest – wenn Du da fertig bist, kannst Du ja zum Rapport nach Berlin kommen!!!

Fakt: die Glorifizierung der Einwanderung aus der Türkei in den Medien dieser Tage (z.B. auch hier im GEA) soll ablenken von vielen Problemen, die damit verbunden sind. Warum sollen wir über diese Probleme nicht mal nachdenken? Warum sollen wir unter diesen Problemen leiden? Dafür bezahlen? Wer hat uns diese Probleme beschert? Was hat er damit bezweckt, uns diese Probleme zu bereiten?

Fragen ist erlaubt – das sehen auch andere so

Ist es ausländerfeindlich, diese Fragen zu Stellen? Sich gegen Erdogans Vorwürfe, Lautsprecherei und Scharfmacherei zu wehren? Was hat der von uns zu fordern? – Ganz im Gegenteil: dem Großteil der bei uns lebenden Ausländer, Migranten, tun wir sicher einen Gefallen, wenn wir Mißstände benennen – um deren Integrationsarbeit (natürlich ist es harte Arbeit, was sie von sich verlangen, wenn sie hierher ziehen, oder was sie leisten müssen, wenn sie zu uns flüchten konnten), die die Mehrheit von ihnen leistete, entsprechend würdigen zu können. Erdogan fragt nämlich nicht höflich an, ob es der Migranten-Mehrheit hier recht ist, wenn er so laute Töne spuckt und mindestens die Türken, in seiner Denke sicher möglichst alle Muslime, in sein Minenleger-Boot zerren will. Für diese Ansicht habe ich mittlerweile auch Belege gefunden, der Grünen-Innenexperte Memet Kilic kritisiert Erdogan ähnlich, ganz deutlich die Alevitische Gemeinde in Deutschland.

Von verantwortungsvoller Politik (und kritischen Medien erst recht) erwarte ich, daß sie Probleme anspricht und abwägt, bevor sich Populisten des liegengebliebenen Themas annehmen. Handeln unsere Politiker hier verantwortungsbewußt? Stichwort direkte Demokratie: wie wären Volksabstimmungen zum Thema ausgegangen? Wie oft und wie lange kann demokratische Politik gegen den Willen des Volkes regieren? Zumal solche mit basisdemokratischem  Hintergrundleuchten?

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