Ohne Euro wäre mehr Europa – «Der Euro ist eine politische List epochalen Ausmasses»

Im Deutschen Museum gibt es eine schöne Versuchsanordnung zum Thema Winkel- und Umlaufgeschwindigkeit sowie Bewegungsenergie. Ein Drehteller, darauf steht das Versuchs“tier“, es hat Hanteln in den ausgestreckten Händen und wird in Drehung versetzt. Wenn das Versuchstier nun die Hände zum Körper zur Mitte herzieht, erhöht sich die Drehzahl, weil die Hanteln ihre Geschwindigkeit beibehalten möchten. Irgendwann wird es dem Mensch in der Mitte zu schnell und wenn er nicht genau in der Mitte bleibt, würde es ihn tangential vom Drehteller schleudern. Für mich ein Bild dafür, daß mit immer noch mehr Zentralismus der Laden irgendwann auseinanderfliegt.

Einen ähnlichen Vergleich zieht Michael Martens in seinem FAZ-Beitrag über Deutschland „In der Falle“: „Damit es am Ende nicht heißt: Bleibt der Euro, scheitert Europa. Für das Zusammenleben der Europäer gilt nämlich die alte Handwerkerweisheit, laut der man Schrauben nicht mit übermäßiger Gewalt festziehen dürfe. Denn nach fest kommt ab.“

Wann das sein wird? Wer weiß das? Sicher ist: mit Griechenrettungen, EFSF und seiner Aufstockung und jetzt dem ESM wird die Schraube immer stärker angezogen. Die Hebelkraft, die die Schraube abknallen wird, beschreibt Martens so: „Umso erstaunlicher ist die Anmaßung, mit der die deutschen Rettungseuropäer alle, die auf Konstruktionsfehler der Eurozone hinweisen, als schlechte Europäer, Provinzlinge, gar potentielle Kriegstreiber hinstellen. Das Unlautere ihrer Argumentation liegt in der Gleichsetzung von Europa mit dem Euro. Immer mehr Europäer fühlen sich als Bürger von „Europa“ entmündigt, bezeichnenderweise sowohl in Geber- als auch in Nehmerstaaten. Die Stimmungslage in Griechenland und Deutschland – wobei beide jeweils für eine ganze Gruppe von Staaten stehen – lässt befürchten, dass gerade die Ermahnungen sogenannter großer Europäer das europäische Projekt stärker gefährden als jene, die konstruktive Kritik daran üben.

Ob die ökonomischen Zwänge, die mit dem Euro kamen und jetzt sichtbar werden, Konstruktionsfehler oder ganz im Gegenteil gar Absicht waren? Martens schreibt „Der Euro sollte Europa „unumkehrbar“ machen. Doch indem sie ihren politischen Willen über die ökonomische Vernunft stellten, legten die Väter des Euro einen gefährlichen Sprengsatz an die Fundamente Europas.“

Viel deutlicher wird der Schweizer Philosophieprofessor Cheneval im NZZ-Artikel „Europas falscher Weg“. „Der Euro gilt als Fehlkonstruktion. Weit gefehlt. Der Euro ist eine politische List epochalen Ausmasses. Die Währungsunion bildet als Schuldengemeinschaft jene Art dick gestrickter Interessenverbindung, ohne die es keine politischen Gemeinschaften gibt. Mehr noch, der Euro bringt einen bunten Haufen von zögerlichen, sich ewig beratschlagenden, in ihre Unterschiede verliebten Europäern nach Jahren des Lavierens auf die Zielgerade einer politischen Vergemeinschaftung. Er erzeugt bei der Wahl künftiger Wege eine Abhängigkeit, die direkt und alternativlos zu einer engeren politischen Gemeinschaftsform der EU führt. Die Furcht vor einer Wirtschaftskatastrophe seltenen Ausmasses aufgrund eines Zusammenbruchs der Euro-Zone, die Angst vor unermesslichen Ausstiegskosten ist so gross, dass alle Nachteile als geringere Übel erscheinen.“

Ein Beleg dafür, daß die als Verschwörungstheoretiker abgekanzelten Mahner vielleicht doch recht hatten? Dann ist das Krisenszenario, in dem wir zur Zeit unfreiwillig Mitspieler sind, kein Unglück, kein Schicksal, sondern Plan? Das wußten schon bei Daimler der Schrempp nach Reuter, das wußte der Finanzminister Hans Eichel, daß wenn man etwas ändern möchte, die Krise, das Problem erst groß genug gemacht werden muß, damit alle einsehen, daß wir eine Veränderung brauchen. Chevenal fährt fort: „Der Euro erweist sich als das letzte Kapitel einer europäischen Integration durch zunehmend stärkere und stets vermehrt ineinandergreifende Sachzwänge. Er ist Krönung der Politik der Verzahnung.“

„Wer von den schicksalshaften Konsequenzen der Einführung des Euro überrumpelt wurde, muss dessen Machern ein hohes Mass an politischer Ingenieurskunst zugestehen. Dass die Empörung der Mitgefangenen hier nur die eigene Naivität überspielt, liegt auf der Hand.“ Dann sind die ganzen Wirtschaftsprofessoren also nur Naivlinge? So einfach ist es nicht, denn es sind nicht nur ein paar Naivlinge, sondern Chevenal sieht die fehlende Bürgerbeteiligung (außer in Schweden, Irland und wo es sonst Volksabstimmungen gegeben hat) als Prinzip von Anfang an, gleichzeitig Konstruktionsfehler und Zeitbombe: „Soll der geniale Machiavellismus Euro nicht doch noch scheitern, muss den Bürgerinnen und Bürgern nun zumindest eine reale Perspektive direkter Beteiligung geboten werden.“

Sein Ausblick, ausgerechnet von einem Schweizer: „Der Vorschlag von Präsident Sarkozy und Bundeskanzlerin Merkel zur Änderung der europäischen Verträge gehört in die Kategorie des schlechten Zentralismus: Die Wirtschaftsregierung Europas soll in die Hände des Rats, also der Regierungschefs der Mitgliedstaaten, gelegt werden. Soll Europa aber nachhaltig aus der Krise finden, muss die zweite, demokratieverträgliche Form der Zentralisierung in irgendeiner Spielart eingeführt werden, und zwar nur unter Einbezug von Ländern, deren Bürgerinnen und Bürger dazu ihre Zustimmung gegeben haben. Bedrückend ist, dass es weit und breit keine europäischen Führungspersönlichkeiten gibt, die das Schiff in diese Richtung zu lenken beginnen. Die EU hat unter anderem ein gravierendes Leadership-Problem.“

Auch wenn er hier das englische Wort bemüht: wir Deutschen haben mit Leadership (auf deutsch: Führerprinzip) schlechte Erfahrungen gemacht. Gute Erfahrungen haben schon die freien Reichsstädte, die Paulskirche, die kleinen Fürstentümer, die Bundesländer, die Friedens- und Ökologiebewegung mit der direkten Demokratie gemacht: je stärker die Mitsprache der Bürger möglich war, je direkter der Einzelne angesprochen wurde, desto loyaler die Bevölkerung, auch in Zeiten starken Wandels. Wir Bürger möchten immer noch ein Europa der Menschenrechte, der offenen Grenzen, der Werte – wir wollen nicht in einen ökonomischen Zentralismus gepresst werden, von Funktionären, Kommissaren, Gouverneuren und Direktoren, die wir nicht gewählt haben. Unsere Politiker von CDU-SPD-FDP-Grünen, die uns in dieses „alternativlose“ Europa zwingen wollen, werden noch ihr demokratisches Wunder erleben!

Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Ohne Euro wäre mehr Europa – «Der Euro ist eine politische List epochalen Ausmasses»

  1. fürmeinekinder

    Gute Worte, hoffentlich finden die Gehör.
    Meiner Meinung haben die meisten Mitmenschen keine Ahnung, was da gerade ausgeheckt wird.
    Sobald es hier ähnliche Kürzungen bei Gehalt, Rente, Sozialleistungen wie in Griechenland gibt, ist hier der Teufel los.
    Die meisten Menschen werden sehr überrascht sein über die Auswirkungen und die Negativspirale.
    Einfach nur traurig, dass wir uns das bieten lassen.
    Andererseits habe ich keine Ahnung, wie wir Menschen auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Es mangelt bei vielen an politischem Interesse, Engagement, Hartknäckigkeit, Eigenverantwortlichkeit.
    In einem Staat mit einer Staatsquote um die 50% wird einem scheinbar vieles an Entscheidungen abgenommen. Aber es taugt halt nichts oder wenig, wenn dann wieder die Eigentinteressen der Entscheider insSpiel kommen.
    Alles nur noch Verarschung, das dicke Ende kommt noch.
    Doch es tut mir wahnsinng leid für unsere Kinder und deren Perspektive im neuen Sklavenstaat.

    Für was das Ganze überhaupt, nur dass ein nicht ganz geringer Teil der Menschen hier in D ohne produktive Leistung ein Einkommen erzielt? Machtgelüste? Psychopathen, die Dinge wie Kernkarft nur wegen des Vermehrens von Geld zulassen?
    Leistungslose Einkommen sind unser Problem, ein Systemproblem, bei dem die meisten Menschen leider am kürzeren Hebel sitzen.

    Wenn sie sich nur mal zusammenschliessen würden……………….

    Grüsse

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